Entwicklung der Nervenheilkunde (1840 - 1933)

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Entwicklung der Nervenheilkunde

Man begann durch gezielte Beobachtungen Materialien zu sammeln, und man erkannte, dass die Erkrankungen des Geistes einen ähnlich charakteristischen Krankheitsverlauf nahmen wie die inzwischen gut bekannten Infektionskrankheiten Cholera und Pocken.

Eine logische Konsequenz war daher, nach charakteristischen Veränderungen im Gehirn zu suchen. In diese Situation hinein erfolgten durch drei Männer die entscheidenden Schritte zur Reformierung der Verhältnisse.

Heinrich-Moritz Romberg (1795-1873), Leiter der Medizinischen Poliklinik der Charité, begründete durch die Herausgabe des ersten "Lehrbuch der Nerven-Krankheiten des Menschen" (1840) eine Neugestaltung der Medizin, in der der Neurologie neben der Inneren Medizin und Psychiatrie ein eigener Platz zugewiesen wurde.

Wilhelm Griesinger (1817-1868) leitete zwischen 1865 und 1868 als erster Direktor die kombinierte neurologische und psychiatrische Abteilung und formulierte in einem klaren Bekenntnis das Dogma der neuen Generation von ´Irrenärzten´: "Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten". Er konzipierte damit in Berlin eine neue Form der "Irrenanstalt", die nun mehr einem Krankenhaus als einem Gefängnis glich. Sein Schüler und Nachfolger Carl Westphal (1833-1890) war als erster ordentlicher Professor für Neurologie/Psychiatrie (1874) für die Einführung der Nervenheilkunde zum Lehrfach verantwortlich. Seine Name ist unter anderem mit der Entdeckung und Beschreibung des Kniesehnenreflexes des Edinger-Westphal Kernes, der Pseudosklerose (Morbus Wilson) und der Forschungen zu Erkrankungen des Rückenmarks verbunden.

Nachdem also Romberg wenige Jahre zuvor erstmalig die Umrisse einer unabhängigen Neurologie skizziert hatte, versuchte der ebenfalls aus der Inneren Medizin hervorgegangene Griesinger die Neurologie in die Psychiatrie einzuführen. Die Zugehörigkeit der Neurologie zur Psychiatrie oder Inneren Medizin bzw. deren Eigenständigkeit war in den folgenden Jahrzehnten ein heftig und kontrovers diskutiertes Thema der deutschen Universitätspolitik. Berlin entwickelte sich in dieser Zeit neben Paris, Wien und München zu einem der Zentren neurologisch/psychiatrischer Forschung in Europa.

Carl Wernicke (1848-1905) und Hermann Oppenheim (1858-1919) sind die wohl bekanntesten Mitarbeiter Westphals und Vertreter einer neuen Generation von auch neuropathologisch arbeitenden Neurologen, die sich in besonderer Weise der Korrelation morphologischer Veränderungen im Nervensystem mit klinischen Symptomen widmeten. Carl Wernicke war nur kurze Zeit als Assistenzarzt in der Charité tätig und musste nach einem Streit mit der Direktion die Klinik verlassen. Er ist ein Vertreter der Lokalisationslehre und sein Name ist untrennbar mit der Sprachforschung verbunden (Wernicke-Aphasie).

Hugo Liepmann hat als Wernicke-Schüler das Krankheitsbild der Apraxie beschreiben und habilitierte 1901 an der Charité. Westphals Oberarzt Hermann Oppenheim schuf mit seinem Lehrbuch der Nervenkrankheiten ein Standardwerk der modernen Neurologie. Es diente in vielen Auflagen neben Charcot´s Sammlung von Vorlesungen und Gower´s Lehrbuch für beinahe ein halbes Jahrhundert als das Referenzwerk für Neurologen und Psychiater.

Oppenheim hoffte als kommissarischer Leiter der Klinik auf die Berufung als Westphals Nachfolger. Allerdings hatte Oppenheim durch seine Theorie zur traumatischen Neurose (Lehrbuch 1889: "Die traumatischen Neurosen nach den in der Nervenklinik der Charité in den letzten 5 Jahren gesammelten Beobachtungen") stark polarisiert und nicht nur Anhänger im Lager der Neurologen gefunden. Außerdem konvertierte er im Gegensatz zu Romberg nicht zum christlichen Glauben und wurde wohl auch auf Grund seiner jüdischen Herkunft in seiner weiteren Karriere so behindert, dass er sich entschloss, 1891 eine eigene und sehr erfolgreiche Poliklinik zu gründen. Aus Straßburg wurde der ebenfalls neurologisch orientierte Ordinarius Friedrich Jolly an die Charité berufen. Dieser erreichte nun endlich den Bau einer eigenen Psychiatrischen- und Nervenklinik, die nach den Plänen von Griesinger aus einem neurologischen und einem psychiatrischen Teil bestehen sollte. Das Gebäude zeichnete sich schon damals durch seine großzügige Architektur aus und ist auf dem Campus als "Alte Nervenklinik" bekannt und nach wie vor Zentrum der neurologischen und psychiatrischen Aktivitäten in der Charité. Jolly, dessen wissenschaftliche Akzente auf dem Gebiet der Neurologie und Neuropsychologie lagen, verstarb 1904 als das Gebäude grade bezogen wurde. Theodor Ziehen leitete die Klinik nur bis 1912, nahm dann einen Lehrstuhl für Philosophie an und wurde von Karl Bonhoeffer abgelöst. Der Wernicke Schüler Bonhoeffer (1868-1948) hat sich als Kliniker mit psychiatrischer Orientierung durch die Darstellung der Alkoholpsychosen und symptomatischen Psychosen einen internationalen Ruf erworben. Aus seiner Schule gingen unter anderem der Neurologe und Neuropathologe Hans Creutzfeldt (1885-1964), der Neurochirurg Edmund Forster(1878-1933) und die Neurologen Franz Kramer(1878-1967) hervor.